Die Glenohumerale Instabilität - Definition und modellhafte Abbildung

Thomas Rieder und Martin Möser

Definition of Glenohumeral Instability and its Biomechanical Model

Summary

The complexity of shoulder instability will be described and in combination of the clinical signs „impingement" and „transient instability" newly defined. By means of statically determined „model of forces" the development of rotatory failure of the humeral neck will be demonstrated and the functional importance of these described failed rotation discussed.

Zusammenfassung

Die Komplexität der „Instabilität des Schultergelenkes wird beschrieben und unter Einbeziehung der Termini „Impingement" und „flüchtige Instabilität" neu definiert. Anhand eines statisch bestimmten Kräftemodells werden die Entwicklung von Torsionsfehlern des Humerushalses dargestellt und die funktionelle Bedeutung der beschriebenen Torsionsfehler diskutiert.

Komplexität des Instabilitätsbegriffes

Wenngleich es näherungsweise möglich scheint, ein gedankliches Modell zum Verständnis des „stabilen Schultergelenkes" zu entwickeln, so scheitern wir bisher an der umfassenden Erklärung der „instabilen Schulter". Instabilität infolge eines adäquaten Traumas ist beschreibbar; das Einsetzen von Instabilität im jugendlichen Alter und ohne adäquates Trauma wirft oft viele Fragen auf. Die Unterscheidung dieser beiden in ihrer Genese verschiedenen Formen und ihre zuverlässige Zuordnung sind sehr bedeutungsvoll für die Festlegung der Therapie, für prognostische Einschätzungen und für die Beantwortung gutachterlicher Fragestellungen. Wir befürworten die Benennung (Abb.1) als Primäre Glenohumerale oder Sekundäre Glenohumerale Instabilität (Prim./Sek. GHI).

glenohumerale Instabilitäten
Abbildung 1: glenohumerale Instabilitäten

Die Analyse von Funktionsstörungen des Schultergelenkes muss die Funktion von fünf integralen Einzelgelenken (Tab. l) berücksichtigen. Sie muss sich der Schwierigkeit unterziehen, ursächliche und reaktive Störungen zu unterscheiden.

tab1

Das Schultergelenk ist ein ausschließlich muskulär/ligamentär stabilisiertes Gelenk. Seine Rotatorenmanschette wirkt als muskulotendinöse Gelenkpfanne (8). Primäre und sekundäre Arthroseentwicklung sind praktisch von untergeordneter Bedeutung. Der „Schulterschmerz" wird fast immer durch Veränderungen der kapsulären und perikapsulären Weichteilstrukturen des Gelenkes verursacht. Die Analyse der „instabilen Schulter" sollte darum der Muskulatur und dem passiven Halteapparat besondere Beachtung schenken. Die Eindeutigkeit, besser noch die Einheitlichkeit der Interpretation von „Instabilität", ist Voraussetzung für die Analyse.

Physikalisch ist Stabilität dann gegeben, wenn die an einem um eine Achse drehbaren Körper angreifende Kraft so ausgerichtet ist, dass die Angriffslinie der Kraft durch die Drehungsachse des Körpers geht (statisch) bzw. (dynamisch), wenn in jedem Augenblick die bewegende Kraft und die entgegenwirkende dynamische Trägheitskraft im Gleichgewicht sind (27). Werden zum Beispiel in der Technik Lager schief (d.h. nicht fluchtend) eingebaut, dann verschleißt entweder das Lager schnell (sogenannte „Kantenträger") oder die Welle bricht, weil zugleich Biegung eingebracht wird. Das Schultergelenk muss, wie jedes andere Gelenk auch, auf den Punkt genau muskulär ausgesteuert werden. Andernfalls werden die Gelenkflächen nicht gleichmäßig belastet. Entscheidend ist, ob ein angeborener oder erworbener „Aussteuerungsfehler" besteht. Im ersten Fall scheinen sich die Knochenachse und Gelenkfläche darauf einzustellen. Allerdings setzt die Anatomie hier Grenzen, und das Instabilitätsrisiko bleibt erhöht. Wird ein Aussteuerungsfehler erworben, dann erzeugt man, physikalisch betrachtet, einen „Kantenträger". Mangels knöcherner Führung gleitet der Gelenkkopf des Humerus an den Pfannenrand und kann im Falle eines muskulären Untersteuerns in jede Richtung tendieren und sekundäre Läsionen verursachen. Auch der Subakromialraum wird dadurch belastet, es kann sich ein Impingement entwickeln, und die Sehnen der Rotatorenmanschette geraten unter vermehrte Reibung.

Die zentrale Funktion aller periartikulären Strukturen des Glenohumeralgelenkes ist demnach die zuverlässige Zentrierung des Humeruskopfes im Glenoid. Dieses Axiom gilt auch, wenn die Gesamtbewegung, wie im Falle des Schultergelenkes, mehrere Momentandrehachsen (13) einbezieht. Wenn der Gesamtkomplex des Gelenkes dieser Funktion nicht mehr gerecht wird, tritt Instabilität ein (Abb. 2).

typische Instabilitaetsrichtungen
Abbildung 2: typische Instabilitätsrichtungen

Wir verstehen unter Instabilität des Schultergelenkes die Situation der flüchtigen, rezidivierenden, habituellen oder permanenten Dezentrierung der glenohumeralen Artikulation.

weiter zu Seite 2/3

Zurück zur Biomechanik
Zurück zur Homepage